Was geschah in Oberrotweil bzw. in den Nachbardörfern in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs?
Eine wichtige Quelle für die Beantwortung dieser Frage sind die sogenannten Kriegsberichte der Erzdiözese Freiburg. Diese veröffentlichte 2020 in einem Sonderdruck vom Freiburger Diözesan-Archiv die Kriegsberichte aus den Pfarreien des Erzbistums Freiburg.
Zu den Kriegsberichten:
Nur wenige Tage nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, am 17. Mai 1945, forderte Erzbischof Conrad Gröber die Dekane der Erzdiözese auf, von den einzelnen Pfarrämtern Berichte über die Ereignisse der letzten Kriegstage und die erste Zeit nach der Besetzung einzuholen. Die Aufforderung erging damit zu einem Zeitpunkt, als die Erlebnisse noch ganz frisch waren.
Die Pfarrer sollten nach fünf vorgegebenen Punkten berichten:
- über die Ereignisse vor der Besetzung, insbesondere Bombardierungen, Beschuss, Tote und Verletzte sowie Schäden an Gebäuden,
- über die Besetzung des Ortes und die Kampfhandlungen,
- über die Ereignisse nach der Besetzung, darunter ausdrücklich Plünderungen, Vergewaltigungen und andere Schwierigkeiten,
- über die Schäden an kirchlichen Gebäuden wie Kirche, Pfarrhaus oder Schwesternhaus,
- und schließlich über einen Gesamtüberblick über die Lage im jeweiligen Pfarrort.
Warum wurden die Berichte angefordert?
Zunächst dienten die Berichte der kirchlichen Verwaltung. Das Erzbistum wollte möglichst schnell und möglichst flächendeckend erfahren, was in den einzelnen Gemeinden geschehen war und in welchem Zustand sich Menschen und kirchliche Einrichtungen befanden. Die Pfarrer waren dafür wichtige Ansprechpartner, da sie in ihren Gemeinden geblieben waren und vielfach unmittelbare Kenntnis von den Ereignissen hatten.
Die Berichte sollten über die Dekanate an das Erzbischöfliche Ordinariat in Freiburg weitergeleitet werden. Wegen der weitgehend zusammengebrochenen Verkehrs- und Kommunikationswege war dieser Weg zugleich eine praktikable Möglichkeit, Informationen aus den zahlreichen Gemeinden des Erzbistums zusammenzutragen.
Eine Quelle mit besonderem Wert:
Was 1945 zunächst als kirchliche Bestandsaufnahme gedacht war, ist heute eine außergewöhnlich wertvolle Quelle für die Ortsgeschichte. Die Berichte entstanden zeitnah zu den Ereignissen und liegen für zahlreiche, auch sehr kleine Gemeinden vor. Manche Pfarrer verfassten nur wenige Zeilen, andere ausführliche Schilderungen. Bis Ende 1947 gingen mehr als tausend Berichte beim Erzbischöflichen Ordinariat ein.
Für die lokale Geschichtsforschung sind sie deshalb besonders interessant: Sie erzählen nicht nur von militärischen Ereignissen, sondern auch von Menschen, ihren Ängsten und Erfahrungen, von Zerstörung, Versorgung, Besatzung und dem schwierigen Übergang vom Krieg zum Frieden.
Dabei muss man berücksichtigen, dass es sich um Berichte der damaligen katholischen Geistlichen handelt. Sie geben die Ereignisse aus ihrer jeweiligen Perspektive wieder und sind daher keine vollständig objektiven Protokolle. Gerade im Vergleich mit anderen Quellen können sie jedoch helfen, die Geschehnisse der letzten Kriegstage und der unmittelbaren Nachkriegszeit vor Ort zu rekonstruieren.
Für die katholischen Gemeinden aus Vogtsburg (Achkarren, Burkheim, Oberbergen, Oberrotweil und Schelingen) sind diese Berichte damit ein unmittelbares Zeugnis aus einer Zeit, in der sich das Leben innerhalb weniger Tage grundlegend veränderte.
Die Veröffentlichung auf der Website des HGV erfolgt mit Zustimmung der Herausgeber.
Quelle:
Jürgen Brüstle, Annemarie Ohler, Nobert Ohler, Christoph Schmider: Die „Kriegsberichte“ aus den Pfarreien des Erzbistums Freiburg. Zustände und Entwicklungen am Kriegsende und in der ersten Nachkriegszeit. In: Freiburger Diözesan-Archiv 140 (2020), S. 415-421, 425-428, [etc.]
Nachfolgend finden Sie die Kriegsberichte der Gemeinden Achkarren, Burkheim, Oberbergen, Oberrotweil und Schelingen. (Die Berichte können im pdf-Format heruntergeladen werden.)

